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Keine Gehirnwäsche
Die Präsentation der Honda CBR 600 RR begann diesmal anders als sonst. Im
Normalfall mussten die Journalisten vor den Testrunden eine Powerpoint
Gehirnwäsche über sich ergehen lassen. Der Honda Manager am Video-Beamer nahm
das Testurteil bisher immer vorweg und die Testrunden sollten danach im Prinzip
nur eine Bestätigung der Powerpoint Präsentation darstellen. Doch diesmal
dauerte die Präsentation nur ein paar Minuten. Die Vorstellungszeremonie der 15
japanischen Honda-Techniker dauerte wesentlich länger als der eigentliche
Vortrag selbst. Völlig cool und ohne lang auszuholen wurden die wichtigsten
Features der CBR präsentiert und wir wurden auf die Strecke geschickt. Kein
vorweggenommenes Urteil, kein Eigenlob nur ein verdächtig dezentes Lächeln im
Gesicht des Vortragenden. Da war
was im Busch!
Die leichteste 600er
Schon beim Aufsitzen spürte ich, dass Honda es ernst meinte. Die Prospektangaben
mit 155 kg Trockengewicht hielt ich für überaus gewagt und konnte sie ehrlich
gesagt auch nicht glauben. Doch die CBR fühlte sich unglaublich leicht an.
Deutlich leichter als das alte Modell. Abgespeckt
wurde an so ziemlich allen Teilen des Motorrades. Der komplett neue Motor ist
nun sichtbar kompakter, der Rahmen leichter und jede Beilagscheibe wurde in
Funktion und Form hinterfragt und optimiert.
Inmitten der WM-Stars
Der erste Rollout wie üblich ein vorsichtiges Herantasten - zumindest für mich.
Denn als die 2 Aufwärmrunden hinter Superbike-Star James Toseland vorüber waren
und er uns mit einer deutlichen Handbewegung „Feuer frei“ signalisierte, war ich
der einzig vorsichtige im Sattel. Supersport Weltmeister Charpentier, High-Risk
Racer Kenan Sefuoglu gaben sofort Feuer und fuhren mit einem gewaltigen Strich
am Kurvenausgang vorbei. Dicht hinter den beiden WM Piloten stach Jeff Assna vom
Reitwagen mit deutlich mehr Speed an mir vorbei. Ich war beunruhigt. Die Strecke
war sowohl für ihn, als auch für mich völlig neu. Hab ich im Herbst das Fahren
verlernt? Hat Jeff mit dem großen Lehrmeister Berzerk ein intensives
Mega-Training absolviert? Ich versuchte zu folgen, wurde jedoch in der ersten
Bremszone vom Hinterreifen wachgerüttelt.
Keine Anti-Hopping Kupplung
Es sind Situationen wie diese, in denen man den Helfer an der Kupplung für
schlampige Schaltmanöver zu schätzen lernt. Übermotiviert und auf das
Wesentliche konzentriert, denkt man als Hobbyfahrer einfach nicht mehr an die
sanfte Kupplungshand. Honda verzichtet bewusst auf eine Anti-Hopping Kupplung
und verweist dabei auf das zusätzliche Gewicht und die größeren Abmessungen der
Kupplung. Ich selbst wäre mit 156 kg trocken UND Anti-Hopping-Kupplung jedoch
glücklicher.
Blinde Ecken, garnierte Schikanen,
pures Handling
Nach diesem Manöver waren die CBR und ich wieder ganz alleine. Die Gegner waren
über alle Berge und ich hatte Zeit mich mit wichtigen Dingen zu beschäftigen.
Ohne langweilig werden zu wollen, muss ich ein paar Worte zum Thema Handling
verlieren. Klar sind 600er handlich und logischerweise ist es auch die CBR 600
RR. Doch Honda ist es gelungen eine ultraagile Waffe bereitzustellen welche auch noch
absolut präzise abzufeuern ist. Die Rennstrecke in Alabama (US) mit dem Namen „Barber
Motorsport Park“, bot viele Gelegenheiten diese Qualität der CBR voll
auszukosten. Einige Kurven waren blind einzulenken, vor allem bei den ersten
Turns waren hier also schnelle und direkte Korrekturmanöver notwendig. Kein
Problem! Eine Schikane, welche davor noch mit einer netten langen Kurve in der
Bremszone garniert war, brachte das Handling und die Präzession der CBR auch
nicht an ihre Grenzen. Die Linie ist mit der CBR extrem einfach zu halten und
auch genauso leicht zu korrigieren.
Voll am Gas! Trotz Akne am Asphalt.
Dann der nächste Jubelschrei im Helm! Eine enge Haarnadelkurve ging nahtlos in
eine lange Linkskurve über. Hier musste also am Ausgang der Haarnadel
volles Rohr gefeuert werden und die Gänge wurden durchs Getriebe sortiert. Doch
blöderweise verunstaltete gerade auf den ersten Metern der Beschleunigungszone
eine grausliche Bodenwelle den ansonst fast makellosen Asphalt. Die CBR zuckte
kurz und wurde aber sofort von Lenkungsdämpfer und Fahrwerk wieder eingefangen.
Eigentlich erschreckte mich der rasante helfende Eingriff mehr als die störende
Unruhe davor. Geradezu blitzartig wurde die CBR wieder ruhig gestellt und ich
konnte voll am Gas bleiben. In weiterer Folge nahm ich diese Sektion immer am
Anschlag und verschwendete nicht einen einzigen Gedanken an die Bodenwelle. Hier
war absolut Verlass auf den elektronischen Lenkungsdämpfer und das
Chassis-Layout. Reite ich etwa auf der eierlegenden Wollmilchsau? Handlich und
trotzdem stabil?
Alles radial
Mittlerweile konnte ich mich auch an die fehlende Anti-Hopping-Kupplung
gewöhnen. Erst jetzt konnte ich die Performance der neuen Bremsen so richtig
auskosten. Denn manche Anbremszonen verlaufen über eine Kuppe und die Furcht vor
einem Überschlag war natürlich groß. Doch die radiale Bremspumpe baute den Druck
in den radial montierten Bremssätteln nicht nur brachial sondern auch fein zu
dosieren auf. Die Bremse der neuen CBR ist fit für jedes Rennen.
Schlank im Schritt
Die CBR legt eine beeindruckende Performance hin und diese Tatsache beruht nicht
nur auf PS und Kilogramm oder auf Titan, Bits und Bytes. Äußerst effektiv ist
auch die Sitzposition in der neuen CBR 600 RR. Im Schritt fühlt sich die 600er
Honda deutlich schlanker an. Tank und Sitzbank wurden neu gestaltet. Die gesamte
Frontpartie ist außerdem näher zum Lenkkopf gerückt und der Lenker ist um 10 mm
höher montiert als beim Vorgänger. Die CBR bietet mir somit ein direkteres
Handling, trotzdem überraschend viel Komfort und das Gefühl der totalen
Kontrolle durch den festen Schluss mit den Oberschenkeln.
Es war an der Zeit für die Revanche
Mittlerweile waren die Honda und ich dicke Freunde geworden. Auch die
Rennstrecke stellte für mich keine große Unbekannte mehr dar. Die
österreichische Delegation wurde diesmal vom Superstock 600 Alpe-Adria
Staatsmeister Wolfgang Kerbl begleitet. Er opferte sich als Linienvorgabe und
zog mich in Richtung Jeff Assna. Doch dieser bemerkte den drohenden Angriff im
Rückspiegel und drehte überaus motiviert am Gasgriff. Ich war mir sicher, der
nächste Kurvenausgang wird mit einem gewaltigen Highsider beendet. Die schwarzen
Striche welche sein Hinterrad zeichnete, nahmen bedrohliche Dimensionen an und
die Serienreifen sind zwar sehr gut, haben aber auch ihre Grenzen.
Alles was Flügel hat fliegt...
Doch ich
irrte mich! Denn Jeff biss schon beim nächsten Kurveneingang ganz kräftig in den
Asphalt. Mit mörderischen Speed nahm er die mit einer Kompression garnierte
Rechtskurve. Selbst der Staatsmeister vor mir hat schon deutlich früher gebremst
und das Unheil war also unmöglich aufzuhalten. Die wunderschöne CBR schlitterte
über den Asphalt in Richtung Kiesbett. Doch halt! In dieser Kurve gab es kein
Kiesbett sondern nur eine kuschelige Wiese. Gut für Jeff, schlecht für die CBR.
Denn während Jeff wohlbehütet im hohen Gras zur Ruhe kam, fädelte die CBR im
tückischen Erdboden ein. Ein makelloser Überschlag mit Komplettdeformation an
allen Seiten war die Folge.
Jeff war also unverletzt und so konnte ich mich auf großartige
Fahrerlagerdemütigung freuen.
Der fahrende Pranger! Anspucken erlaubt!
Hier in Amerika wird dieser erniedrigende Moment, wenn Pilot samt Motorradleiche
am Fetzenwagen im Fahrerlager auftauchen, noch mehr ausgekostet als in Europa.
Die gesamte Strecke wurde gesperrt und alle Journalisten, die Honda Crew und die
Bridgestone Techniker versammelten sich in der Boxengasse. Dann tauchten am
Horizont zwei knallrote Pickups mit überaus aggressiv wirkenden Drehlichtern am
Dach auf. Die Kohorte fuhr wie ein fahrender Pranger durch die Boxengasse. Jeff
Assna saß am Anhänger von Pickup Nummer 2 auf der geschändeten CBR 600 und
müsste strafende Blicke ertragen. Ich war mir sicher, dass auch anspucken
erlaubt gewesen wäre, doch niemand wollte hier den Anfang machen. Der Honda
Europe Manager brach als erster das Eis und sprach unserem fassungslosen
Reiseleiter Christian Zwedorn von Honda Österreich trostende Worte zu:“ Let us
find something positiv here… I sold one Honda CBR 600 RR to Honda Austria.“
Gute Reifenwahl
Während der nächsten Turns wurde es also wieder ruhiger im Pulk und ich konnte
mich wieder auf meinen Job konzentrieren. Ich achtete ein wenig auf die Reifen
und auch hier scheint Honda ein gutes Paket gefunden zu haben. Klar das die
Supersport Reifen Bridgestone BT-002 Pro eine tadellose
Performance hinlegten und mich niemals in Bedrängnis brachten. Doch auch die
serienmäßigen BT-015, welche bei den ersten Turns montiert waren, harmonierten
perfekt mit der CBR. Gerade auf dieser Rennstrecke war volle Manövrierbarkeit
selbst bei starkem Bremseinsatz unbedingt notwendig. Die CBR zeigte nur ein kaum
spürbares Aufstellmoment und die Linie war in jeder Situation ganz leicht zu
halten.
Offroad Sonderprüfung
Den letzten Turn wollte ich eigentlich
ganz gemütlich angehen, als der unverbesserliche Jeff Assna am Horizont
auftauchte. Ich konnte nicht fassen, dass er trotz Sturz in den Knochen schon
wieder vor mir lag. Langsam aber sicher hab ich die Sache mit dem vorsichtigen
Einkuppeln in der Anbremszone begriffen und saugte mich immer näher an ihn ran.
Doch in der engen Links bremste er unglaublich spät und testete die
Offroadeigenschaften der CBR. Ich fühlte mich als sicherer Sieger als ich mich 3
Runden später in einer harten 600er Schlacht wiederfand.
3 Duelle in 2 Kurven
Auf der letzten Sektion vor Start-Ziel
waren James Toseland und Kenan Sofuoglu gerade dabei die Rangordnung im Ten Kate
Team neu zu definieren. Ich bin es ja eigentlich gewohnt auf der Rennstrecke
manchmal im Weg zu stehen, doch im gleichen Moment duellierten sich auch noch
der österreichische Staatsmeister Wolfgang Kerbl mit einem japanischen
Supersportmeister an mir vorbei. Es quietschte, es qualmte und ich kann mich
auch an ein paar englische Schimpfwörter erinnern, doch es passierte nichts. Wie
eine trampelnde Herde Büffel vielen die 4 Racer in nur 2 Kurven über mich her.
Es war zwar sehr demütigend, aber gleichzeitig wunderbar anzusehen was ein Rudel Racingprofis mit ein paar Serienmotorrädern anstellen kann. Noch demütigender
war natürlich die plötzliche Auferstehung von Jeff Assna neben mir. Der Mann mit
den 7 Leben nutzte die Gunst der Stunde und ging an mir vorbei. Doch Spott und
Hohn im Fahrerlager hielten sich danach in Grenzen. Meine Ausrede klang sehr
plausibel: "Ich war mit der Situation geistig einfach überfordert."
Fazit: Ein Kompromiss der keiner ist!
Nicht überfordert hat mich jedoch die
Honda CBR 600 RR im aktuellen Modelljahr. Die Leichtigkeit mit der man die
Rundenzeiten aus den Ärmeln schüttelt und die praktische Harmonie von
Performance und Komfort waren für mich völlig neu. Unsere Truppe hatte
mittlerweile 6 Stück 30 Minuten Turns in den Knochen. Jeder Turn ein Rennen für
sich und alle waren frisch und munter. In Wahrheit der derzeit beste Kompromiss
zwischen Rennstrecke und Strasse ohne einer zu sein. Derzeit ganz klar die erste
Wahl für Hobbyfahrer, welche am Ring und in die Arbeit fahren möchten. Das ist
kein Update, das ist eine völlig neue CBR. Ab Anfang Februar beim Händler. |